Bäumen.

Da steht er nun, der erste eigene Weihnachtsbaum meines Lebens. Als weggezogenes Kind spurt man an Weihnachten ja wie es die Eltern gern hätten und wenn man nicht mit eigenen Kindern punkten kann, macht man sich halt zu den Festtagen auf den Weg. Dort wartet ein voller Kühlschrank und ein geschmückter Baum. Im Idealfall verträgt man sich, genießt viel zu viel gutes Essen und Trinken und fährt am zweiten Weihnachtsfeiertag kugelrund wieder in die eigene Wohnung, wo nicht viel an Fest und Familie erinnert. Das werden der Gentleman und ich dieses Jahr zwar auch so machen, unsere Eltern werden nicht jünger. Aber anders als in den vergangenen Jahren wartet dann ein geschmückter Baum in unserer eigenen Wohnung. Er ist ein wenig schief gewachsen, beim Hineinwuchten ins Auto ist ein blöder Ast abgebrochen, aber wenn ich ihn so ansehe, freue ich mich. Denn er ist unser eigener, kleiner Weihnachtsbaum. Wir sind jetzt erwachsen.

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Rückzug.

Mein Ruhepunkt misst einen Quadratmeter, maximal, und befindet sich in der Ecke des Sofas. Hier kann ich mit meinem Laptop oder Smartphone sitzen und mit einer Kopfwendung sowohl die Nachbarn im Haus gegenüber als auch den Fernseher oder den neben mir sitzenden Mann erfassen. Das beruhigt mich, alles im Blick zu haben, das Drinnen, das Draußen.

Mehr brauche ich nicht.

Oder. Doch.

Ich brauche Ruhe, die nicht nur auf einen Quadratmeter beschränkt ist. Dieses Jahr 2013 war so anstrengend, dass ich ganz porös geworden bin. Ein bisschen marode sowieso, aber das ist ja nun auch langsam das Alter, dagegen kann man nichts machen. Aber diese Löchrigkeit, die kleinen Durchlässigkeiten für Unangenehmes im Leben, die ich normalerweise mit Humor und Haltung kitten könnte, sie ist so stark geworden, dass ich wohl bald einfach mit einem Klirren in mich zusammensinke. Wie ein zerbrochener Spiegel.

Und der ist ja meistens auch nicht größer als ein Quadratmeter. A propos: Ich müsste mal wieder zu I*EA, mir fehlt noch ein Ganzkörperspiegel. Aber das verschiebe ich dann doch lieber auf 2014.

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Jahresrückblick I.

Das Jahr der Demut.

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Orte der Kindheit III.

Für meine Mutter musste es Lord Extra sein, während mein Vater nur "Camel ohne" an seine Lungenbläschen ließ. Über Passivrauchen von Kindern machte man sich in den 70er Jahren eher weniger Gedanken, und wenn ich mich wagte, auf kalten Winterfahrten das hintere Fenster ein wenig herunter zu kurbeln, musste ich darauf gefasst sein, recht schnell ein "Zumachen, es zieht!" zu hören und meine Nase resigniert in das Polster meiner Rückbank zu drücken. Wenn ich ganz genau schnupperte, konnte ich sogar ein bisschen die Abgase von draußen riechen.

Unser Renault 19 roch immer ein bisschen intensiver als andere Autos, das kenne man ja von den Franzosen, behauptete mein Großvater und wusch stur seinen Opel Kapitän und später den großen Mercedes. Und wenn ich mich sehr konzentrierte und den Atem ganz bewusst einsog, war da doch auch noch ein bisschen etwas vom Brötchen mit Landjäger und mehr zu riechen von letztem Jahr, als wir über das Aosta-Tal an die Riviera fuhren und mir von der schneidigen, fast italienischen Fahrweise meines Vaters nur ein ganz kleines bisschen schlecht wurde. Oder das hartgekochte Ei vom Jahr davor, als wir irgendwo vor Ljubljana im Stau standen, fast vierzig Grad Hitze draußen und ich meine linke Kontaktlinse in dem grässlichsten Hotel verloren hatte, das ich mit meinen fünf Jahren kennen lernen durfte. Und ein ganz kleines bisschen stärker als alle Urlaube der Welt roch es immer auch nach dem kalten Zigarettenrauch, der sich in den Polstern einnistet, egal ob der Fahrer aus dem Fenster raucht oder nicht.

Manchmal roch es auch nach Tränen, wenn ich reiten lernen wollte und nicht durfte, damit ich "keine breiten Hüften bekomme". Nun ja. Sie kennen mich ja nicht. Aber ich versichere Ihnen: Lassen Sie Ihre Töchter reiten lernen, wenn sie wollen. Es ändert nichts an den Genen. Aber das weiß man ja immer erst hinterher.

Komisch nur, dass ich nie angefangen habe zu rauchen.

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Übergriffig.

Wann wurde es eigentlich gesellschaftsfähig, Schwangeren ungefragt über die schwellenden Bäuche und Krebspatienten über die Glatze zu streicheln?

Ich kann - obwohl weder der einen noch der anderen Gruppe zugehörig - diese vermeintlich wohlmeinenden, vermeintlich witzigen körperlichen Übergriffigkeiten nicht verstehen und möchte dann stellvertretend für die Gestreichelten zuschlagen.

Und ich glaube, das nächste Mal mache ich das dann einfach auch.

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KüchenPsycho.

Du bist so und so. Deshalb musst du so und so. Anders geht nicht. Reflektiere doch mal dein Verhalten. Nein, deine negative Energie will ich nicht haben, die leite ich direkt an dich zurück. Aus deiner Körpersprache lese ich. Früher dachte ich immer nur Ich, Ich, Ich, heute ist das anders, da bin ich nur für andere da. Ich denke für andere mit. Ich fühle das, was andere brauchen. Glaubst du, wir können eine fast spirituelle Verbindung eingehen, die es braucht? Ich habe es so gehofft, dass du so und so bist. Du bist so und so.

Übersetzung: Ich bin ein ganz toller Hecht. Übrigens.

Mitunter sind küchenpsychologisch geschulte Mitmenschen nicht nur anstrengend, sondern höchst amüsant, nimmt man sie erst einmal nicht mehr ernst.

Oder auch #allebekloppt

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MüdeMüde.

Diese Müdigkeit, die einen immer dann ergreift, wenn der Herbst kommt und erbarmunglos vom Ende der sommerlichen Leichtigkeit erzählt. Denn die Wahrheit, die ist gemein und klar wie ein Morgen im September.

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KinderKinder.

Kinder sind ja nicht nur steter Quell der Freude und von Nervenzusammenbrüchen überforderter Eltern, sondern in erster Linie immer da, wo man sie gerade nicht vermutet. Spurtet man abends in die Klinik und eilt mit recht großen Schritten auf den neu erworbenen schicken Stiefelettchen den langen, sehr langen Gang entlang, kommt einem so ein kleines Wesen sehr unvermutet vor. Und vor allem, wenn es mit einem Affentempo auf einem dieser kleinen, niedlichen Autochen um die Ecke gesaust kommt, gefolgt von oben genannten überforderten Eltern.

Jedenfalls, die lieben Kleinen übersehen ganz gern mal, dass mittelalte, mittelschwere und mittelgut sehende, leicht gestresste Mitmenschen das mit dem Ausweichen nicht mehr ganz so gut draufhaben. Das Kind rast auf mich zu, ich versuche, auszuweichen und klatsche der Länge nach auf den Gangboden. "Sind Sie verletzt, junge Frau", fragt der Kindsvater, und das Einzige, über das ich mich wundere, ist die Bezeichnung als junge Frau. Meine linke Hand tut ein bisschen weh, aber gebrochen habe ich nichts, denn fallen kann ich ganz gut, wieder aufstehen auch, das lernt man halt im Leben.

Hätte ich doch beinahe aufgrund eines Kleinkindes ins Krankenhaus einrücken müssen. Auch eine Art Ironie des Schicksals.

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BesuchsRhythmus.

Parkdeck C, aber bitte nicht die letzten drei Plätze, denn die sind für medizinische Direktoren reserviert und ärztliches Personal wird ja so ungern ignoriert. Dann immer geradeaus, den der Tafel mit den Neugeborenen-Namen vorbei. Heute waren es nur drei mit vergleichsweise moderaten Vornamen. Montags ist die Tafel voll, da gibt es nach unten keinen Platz mehr. Und die Dichte an abstrus buchstabierten und prekariatsverdächtigen Kindernamen ist nicht zu verachten. Mein Favorit gestern: Joleen Chanelle. Ja. Das gibt's wirklich.

Im Stakkatoschritt nach ganz hinten, links sind die Pressemeldungen der Klinikgruppe angeschlagen, dann kommt der Chefarztbereich - hier eine ehrfürchtige Verbeugung vorstellen* - und am letzten Fahrstuhl links geht's nach oben. Dort, in der "guten Stube" der Klinik, erst einmal die Hände desinfizieren. Dann schnell, schnell, er wartet schon.

Meine Füße erinnern sich noch an den Rhythmus, alles noch eingespielt vom Frühjahr. Ich hoffe, sie können ihn irgendwann einmal vergessen, weil er nicht mehr nötig sein wird. Weil der, der wartet, wieder gesund ist.

*Protipp: Chefarztbehandlung bringt überhaupt nichts. Wer lässt seine Kinder schon vom Schuldirektor unterrichten, der den ganzen Tag nur Verwaltungskram hat? Eben.

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GroßstadtRhythmus.

Das punktgenaue Umsteigen klappt. Vorderer Wagen S-Bahn, hinterer Wagen Straßenbahn, im Laufschritt bis zur Ampel, die grüne Phase ist nur ein paar Sekunden lang genug bis zur anderen Straßenseite. Beim Späti um die Ecke, der eigentlich gar kein Spätkauf mehr ist, denn er hat schon um halb sieben offen und ist mehr ein schickes Café, lächelt der Späti-Mann dich an, als du noch einen Schokoriegel mit nach Hause nimmst.

Den hast du dir verdient an deinem ersten Tag, an dem dich - ganz untypisch - alle anlächeln und freundlich miteinander waren, alles fix und fertig vorbereitet, ganz ohne langes Fragen und Betteln. Das Dienstags-Meeting wird zum Montags-Meeting, der Betriebsausflug, die Weihnachtsfeier, zwei, drei Messen pro Jahr - was machen wir mit dem Senat? Und die Außenwerbung, die Themen, die es zu platzieren gilt? Planungen, mit leichter gewordener Hand. Und so ganz langsam groovst du dich wieder ein in den Rhythmus dieser Stadt.

Der einzige Takt, der fehlt, ist das Schlagen des zweiten Herzens an meiner Seite. Aber am Freitag dann, da klopft es wieder, laut und deutlich - wie schon seit sieben Jahren, heute.

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